Joachim Gauck: Der Anti-Wulff im Schloss Bellevue

Ein prall gefülltes Gotteshaus, eine würdevolle Jubiläumszeremonie, ein kurzes Bad in der begeisterten Menge – ein Auftritt, ganz nach dem Geschmack von Joachim Gauck. Mit einem Heimspiel auf bekanntem Terrain startete der Pastor aus der DDR am 20. März in Leipzig in seine Amtszeit als Bundespräsident.

100 Tage sind seit der Wahl von Gauck vergangen, die Euphorie um den neuen Präsidenten ist im politischen Tagesgeschäft abgeebbt. Und auch nicht alle Auftritte, die Gauck seitdem absolviert hat, waren so angenehm wie seine Premiere in Leipzig. Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel oder die Teilnahme am «Tag der Befreiung» im niederländischen Breda gehörten sicher zu den größeren Herausforderungen. Joachim Gauck hat sie souverän und mit Würde gemeistert. Kaum jemand hätte es anders erwartet.

Nach dem lauten und unrühmlichen Abgang von Christian Wulff haben sich die Deutschen einen authentischen Präsidenten gewünscht. Einen Mann mit Werten, ein Staatsoberhaupt mit Vorbildfunktion, zu dem das Land aufschauen kann. Mit Joachim Gauck haben sie genau das bekommen.

«Euer Hass ist unser Ansporn»

Der 72-Jährige hat in seiner ersten Amtsperiode noch nicht die ganz großen Ausrufezeichen gesetzt – und trotzdem imponiert. Allein mit seiner Persönlichkeit weiß der Anti-Wulff zu überzeugen. Welch exzellenter Redner er im Vergleich zu seinem Vorgänger ist, stellte Gauck schon mit seinen Antrittsworten im Deutschen Bundestag unter Beweis. «Euer Hass ist unser Ansporn», kündigte er den rechtsgewandten Bewegungen in Deutschland an und plädierte für die europäische Idee.

Gauck weiß vor allem durch seine ruhige, selbstbewusste Amtsführung zu überzeugen. In den Schlagzeilen fand sich der 72-Jährige dennoch regelmäßig. Ging es zuletzt um die Unterschrift unter den Fiskalpakt, setzte Gauck zuvor mit einer Relativierung von Wulffs Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, ein kleines Ausrufezeichen. Die ganze Härte des politischen Tagesgeschäfts wurde ihm vor Augen geführt, als er dem geschassten Umweltminister Norbert Röttgen die Entlassungspapiere aushändigen musste.

 

Gauck flüchtet nur vor dem BVB

Viel Anerkennung brachte Gauck die frühzeitige Absage einer Reise in die Ukraine ein. Kein diplomatisches Herumlavieren, sondern eine deutliche Botschaft an das Janukowitsch-Regime in Kiew im Fall Timoschenko. Ebenso goutiert wurden seine Besuche in Israel und den Niederlanden. Auch die anfangs zu Teilen kritisch beäugte Liasion mit seiner Lebensgefährtin, der Journalistin Daniela Schadt, ist vom Volk längst angenommen. Die 52-Jährige ist eine würdige First Lady – auch ohne Trauschein.

Gauck ist einer aus dem Volk, nicht aus der Politik. Dieser Bonus der Volksnähe ist ein Element, das Christian Wulff nicht nur am Ende völlig abging. Dass selbst Joachim Gauck das Bad in der Menge einmal zu viel werden kann, war am 12. Mai im Berliner Olympiastadion zu sehen. Nach der Pokalübergabe an BVB-Kapitän Sebastian Kehl wurde Gauck von der schwarz-gelben Euphorie einfach mitgerissen. Offenkundig eine unangenehme Situation für den Präsidenten, nach wenigen Sekunden nahm er erleichtert Reißaus. Vielleicht wollte er aber auch nur die Neutralität gegenüber dem Verlierer FC Bayern wahren – wie es sich für einen guten Präsidenten eben gehört.

 

 

Quelle: NewsPolitik NewsJoachim Gauck – Der Anti-Wulff im Schloss Bellevue


Share and Enjoy:
  • Print
  • Digg
  • StumbleUpon
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Yahoo! Buzz
  • Twitter
  • Google Bookmarks

Kommentar verfassen