Die EM-Italien-Taktik: «Deutschland muss spielen wie Spanien»

Herr Professor Memmert, was ist Ihnen bei der Fußball-EM 2012 aus taktischer Sicht an Deutschlands Halbfinalgegner Italien aufgefallen?

Prof. Dr. Daniel Memmert: Vom Grundgedanken her werden die Italiener offensiv agieren, sie werden versuchen, vor allem über Andrea Pirlo sehr schnell und variantenreich in die Spitze zu spielen. Pirlo ist die Schaltzentrale im Mittelfeld, trotz seines Alters kann er ein Spiel dominieren und durch seine Pässe Torchancen generieren. Aber man hat auch gesehen, dass er während eines Spiels Auszeiten braucht; er nimmt sich raus, um sich auszuruhen. Es wird darauf ankommen, ihn im Blick zu behalten, die Passwege zuzumachen, damit er nicht die Pässe spielen kann, die er normalerweise spielt.

Ist es eine gute Nachricht für das deutsche Team, dass sich die Italiener aktiv am Spiel beteiligen werden und nicht nur auf Defensive und Konter setzen?

Memmert: Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Engländer wären der deutlich schwächere Gegner gewesen, weil einfacher auszurechnen. Sie waren konditionell einfach nicht auf der Höhe, obwohl sie tief stehen und offensiv nicht viel tun, sind sie schwerfällig und haben hinsichtlich der Defensiv-Taktik Defizite. Italien wird auch offensiv dagegenhalten, unsere Abwehr wird ähnlich wie im Spiel gegen Portugal richtig gefordert sein. Es wird also eine Leistung aller Mannschaftsteile nötig sein, die Italiener zu bremsen beziehungsweise zu bespielen.

Wie wird die deutsche Mannschaft taktisch vorgehen?

Memmert: Die Mannschaft wird wie immer versuchen, relativ früh zu stören – das ist ja die Grundidee von Jogi Löw -, um bereits in der Hälfte der Italiener in Ballbesitz zu gelangen. Dann können die Spieler entscheiden, ob sie sofort einen Gegenangriff starten oder auf Ballkontrolle setzen. Es wird wichtig sein zu zeigen, dass man den Ball kontrollieren kann, so dass auch die Italiener mal nachlaufen müssen. Von der Strategie her haben wir im flexiblen Offensivspiel die Nase vorn. Die deutsche Mannschaft muss so ähnlich wie Spanien spielen. Dann wird es auch psychologisch schwer für die Italiener, weil sie spüren, dass sie von einer Mannschaft dominiert werden können.

Viele Spiele bei dieser EM 2012 waren geprägt von einem Team, das angegriffen hat und einem, das sich vornehmlich auf die Abwehr konzentriert hat. Glauben Sie, dass die deutsche Mannschaft das Zeug dazu hat, die Italiener über weite Strecken in die Defensive zu drängen?

Memmert: Es wird diesmal eher Rollenwechsel innerhalb des Spiels geben. Das Spiel wird gerade auch im Mittelfeld offener werden. Gerade dort kommt es für das DFB-Team darauf an, einerseits Pirlo und andererseits das Spiel zu kontrollieren und zu demonstrieren, wer das Spiel bestimmt.

Sie sehen also die deutsche Mannschaft im Vorteil?

Memmert: Die Italiener haben einen guten Zusammenhalt. Die Probleme und Affären im Vorfeld und zu Beginn des Turniers haben sie zusammengeschweißt, der Teamgedanke macht sie stark. Nun wird spannend sein zu sehen, ob dieser Teamgedanke ausreicht gegen eine hoch fokussierte deutsche Mannschaft, die dazu eine deutlich bessere taktische Ausrichtung und dazu die etwas stärkeren Einzelspieler hat.

Welche Rolle spielt die Kondition nach 120 Minuten und zwei Tagen weniger Pause tatsächlich?

Memmert: Die Italiener haben eine der ältesten Mannschaften im Turnier. Über 90 und vielleicht sogar 120 Minuten in der Verlängerung müsste die deutsche Elf über die besseren konditionellen Reserven verfügen, auch weil Italien das England-Spiel in den Knochen hat. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht dürfte das zwar keinen ganz großen Unterschied bringen, generell gesehen sollte aber auch das ein Pluspunkt sein, den man natürlich ausspielen muss. Das heißt, man muss das Tempo über 90 Minuten richtig hoch halten, dann wird Pirlo viel früher als gegen England Auszeiten brauchen, vielleicht auch mehr. Die Italiener müssen merken, dass dieses Spiel eine ganz andere Hausnummer ist als die Partie gegen England ? ein weiterer psychologischer Vorteil für unsere Mannschaft.

Sie analysieren seit vielen Jahren Elfmeterschießen. Sind die Italiener wegen des gewonnen Elfmeterschießens gegen England gegenüber den traumatisierten Bayern-Spielern im deutschen Kader im Vorteil?

Memmert: Wir untersuchen Elfmeter seit vielen Jahren und wissen, dass es neben dem technischen Vermögen auch auf psychologische Faktoren ankommt. Das äußert sich dann in der Körpersprache. Ich muss von unseren Spielern erwarten, dass sie mit breiter Brust und den Schultern nach hinten an den Punkt herantreten, den Torwart weiter im Blick behalten, wenn sie den Ball abgelegt haben. Nach dem Pfiff sollten sich die Spieler Zeit nehmen, noch einmal durchzuatmen, fokussieren und treffen. Elfmeterschießen und Körpersprache kann man sehr wohl trainieren.

Und die Torhüter?

Memmert: Es wird viel auf Manuel Neuer ankommen Unsere Studien haben eindrucksvoll ergeben, dass der Torwart den Schützen manipulieren kann. So kann sich der Keeper etwa zehn Zentimeter in die eine Richtung stellen und dem Schützen so eine Ecke anbieten, ohne dass der Schütze dies bewusst wahrnimmt. Wenn der Torhüter spürt, dass der Spieler unsicher ist, bleibt er auch einen Sekundenbruchteil länger stehen. Das wird sehr viel mit Selbstbewusstsein und Körpersprache zusammenhängen, da habe ich bei den Italienern auch einige Schwächen gesehen. Gepaart mit den Informationen über die Lieblingsecken der italienischen Schützen, haben wir auch im Elfmeterschießen gute Chancen.

Das Elfmeterschießen sollte dennoch kein Ziel sein, oder?

Memmert: Elfmeterschießen sollte nie ein Ziel sein. Zwar kommt die Wissenschaft langsam einigen Faktoren näher, die über getroffen oder nicht getroffen entscheiden. Dennoch geht es dabei oftmals um einen Zentimeter, sehr geringe Unterschiede. Deshalb muss es natürlich immer Ziel sein, das Spiel über 90 oder 120 Minuten klar zu machen. Mit schnellem und kontrolliertem Spiel können wir die Italiener auch psychologisch zermürben, sodass das Spiel spätestens nach der Verlängerung zu Gunsten Deutschlands entschieden sein sollte.

Daniel Memmert ist Institutsleiter und Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation), in der Sportinformatik (Mustererkennung und Simulation), sowie im Bereich der Sportspielforschung und in den Forschungsmethoden. Er besitzt Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zum modernen Fußballtraining. Er kooperiert mit verschiedenen Fußball-Bundesligisten im Bereich Gegner-/Spielanalyse.

 

 

Quelle: NachrichtenSport NachrichtenLöws Italien-Taktik – «Deutschland muss spielen wie Spanien»


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