Deutschland fliegt im Halbfinale aus der EM: Kraftprotz Italien zerstört Deutschlands Titeltraum

Kraftprotz Italien zerstört Deutschlands Titeltraum

Die Sirenen schrillten ohrenbetäubend, das Hinweisschild blinkte dunkelrot. Nach der 1:2-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale gegen Italien herrschte Alarmstimmung. Allerdings nicht etwa, weil die deutschen Kicker so wütend über die Niederlage gewesen wären, sondern weil im Bauch der modernen Arena wiederholt zu hohe Abgasbelastung gemeldet wurde. Das war zwar falscher Alarm, dicke Luft herrschte dennoch in den Katakomben der 57.000-Zuschauer-Schüssel – zumindest bei den deutschen Kickern. Philipp Lahm, der als Letzter vor die Presse trat, sagte: «Wir haben es heute nicht als Mannschaft geschafft, wenig Fehler zu machen. Italien ist es gelungen, und so verliert man ein Halbfinale einer Europameisterschaft.»

 

Einer der Angefressensten im DFB-Team war Sami Khedira, der als Erster nach Schlusspfiff den Platz verlassen hatte und sich auch nach dem Duschen nicht äußern mochte. Ebenso stumm blieben Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Die, die etwas zu sagen hatten, analysierten das Spiel ohne allzu großes Pathos. Im Wissen, dass Italien das eindeutig stärkere, taktisch reifere und robustere Team war, ließ sich die Niederlage offenbar leichter ertragen. «Die Stimmung ist enttäuscht, aber nicht so, dass ein großes Drama ausgebrochen wäre», beschrieb Mats Hummels die Gefühlslage in der Kabine.

Der Dortmunder, der insgesamt ein Klasseturnier gespielt hatte, sagte selbstkritisch: «Für mich wäre es eine gute EM gewesen, wenn wir uns fürs Finale qualifiziert hätten, und wenn ich nicht diesen einen Fehler gemacht hätte, der zum 1:0 geführt hat. Auf diese schlechte Situation hätte ich gern verzichtet.»

 

Gomez? Balotelli ist der wahre «Super-Mario»

Der deutsche Mannschaft fehlte gegen den viermaligen Weltmeister von Beginn an die Kompaktheit in der gesamten Defensive, die sich in den entscheidenden Situationen als ungewohnt löchrig und fehlerhaft erwies. Nach einer offenen ersten Viertelstunde fanden die Italiener besser ins Spiel und nutzten promt die Abwehrfehler von Hummels (gegen Antonio Cassano) und Holger Badstuber aus. Mario Balotelli zeigte, dass der wirkliche «Super-Mario» nicht Gomez, sondern Balotelli heißt, und verwandelte beeindruckend effektiv und nervenstark seine beiden Gelegenheiten zum 2:0 (20., 37. Minute). So tönte nach knapp zwei Stunden Adriano Celentanos «Azzurro» durch das Warschauer Stadion, die Italiener tanzten dazu auf dem Rasen, während die deutschen Kicker mit hängenden Köpfen aus der Arena trotteten.

«Italien war defensiv taktisch besser als wir», räumte Hummels ein. «Sie haben uns sehr früh attackiert und uns gar nicht den Spielaufbau machen lassen. Wenn wir es dann mal geschafft haben, standen sie sehr früh sehr tief. Wir haben dann in einigen Situationen nicht schnell genug in die Spitze gespielt.» So kam das deutsche Kombinationsspiel gegen die robust verteidigenden Italiener nie richtig in Fahrt. Nach dem Seitenwechsel kam zwar mit Marco Reus und Miroslav Klose mehr Schwung in die Angriffsbemühungen, doch in 45 Minuten sprangen neben dem Elfmetertreffer in der Nachspielzeit nur zwei dicke Chancen durch Lahm und Reus’ Freistoß heraus.

Löw zieht den falschen Plan aus der Tasche

Der Plan, den Bundestrainer Jogi Löw diesmal ausgeheckt hatte, musste er nach 45 Minuten korrigieren. Der 52-Jährige hatte überraschend Toni Kroos nominiert und dafür Müller und Reus zunächst auf der Bank gelassen. Zudem begannen die völlig wirkungslosen Lukas Podolski und Mario Gomez. Um Italiens Regisseur Andrea Pirlo sollten sich Kroos und Özil gemeinsam kümmern. «Ich sollte mich im zentralen Mittelfeld mit dem Mesut abwechseln, dass wir versuchen, das Zentrum, wo die meisten Impulse ausgehen von Italien, früh anzulaufen. Aber wir waren im gesamten Verbund nicht nah genug dran», analysierte Toni Kroos.

Folge der Doppelbewachung war, dass der rechte Flügel teilweise verwaist war und nur Rechtsverteidiger Jerome Boateng gelegentlich zu offensiven Aktionen mit nach vorn kam. «In Phasen der ersten Hälfte und in der zweiten haben wir gezeigt, dass wir die Italiener ins Laufen bringen konnten, wenn wir etwas schneller spielen. Nur wir haben das zu wenig gemacht», sagte Kroos.

Der Münchner hatte, bevor der Mannschaftsbus zurück zum Hotel fuhr, noch eine tröstliche Nachricht parat. «Wir werden weiterspielen – auch nach dieser EM», prophezeite Kroos mutig. Und auch die gestandenen Spieler wollen weiter am Titelprojekt werkeln. «Für die Zukunft sieht es gut aus, weil unsere ganzen jungen Spieler darauf warten, solche Turniere zu spielen. Aber es gibt keine Garantie für einen Titel», sagte Lahm. «Wir wissen, dass wir auch in zwei oder vier Jahren enorme Qualität auf den Platz bringen werden», hofft Hummels. Und Toni Kroos konnte der Pleite sogar etwas Heiteres abgewinnen. Angesprochen auf den Zusammenhang zwischen Halbfinalpleite und dem Vize-Triple des FC Bayern München sagte der 22-Jährige. «Immerhin sind wir ja bei der EM nicht Zweiter geworden.» Ein schwacher Trost.

 

 

Quelle: NewsSport NewsAus im Halbfinale – Kraftprotz Italien zerstört Deutschlands Titeltraum

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